Training - Beratung - Projektarbeiten

www.David-Tielke.de

Die Gefahr von unseriösen Recruitingunternehmen bei Xing & Co.

Nahezu jeder besitzt heute einen Account bei Karrierenetzwerken wie XING oder LinkedIn und auch ich nutze diese bei der Kommunikation mit Bestands- oder Neukunden und damit wahrscheinlich mit einem anderen Hintergedanken, als es jemand in einem Angestelltenverhältnis tun würde. Wie jedes Mitglied eines solchen Netzwerkes, stelle ich natürlich auch meine Fähigkeiten und Leistungen dar, zum einen um interessante und gleichgesinnte Entwickler kennen zu lernen und zum anderen natürlich auch zur Neugewinnung von Kunden. Soweit, so normal.

Das dort natürlich nach neuen Mitarbeitern, sowohl von Unternehmen als auch von Recruitingagenturen, gesucht wird, ist auch nichts Neues und sicherlich einer der Stärken solcher Plattformen und für viele bestimmt auch der Hauptgrund dieses zu nutzen. Was mir dabei aber extrem missfällt, ist die Menge der dort angebotenen Projekte. Während noch vor einigen Jahren tatsächlich interessierte Unternehmen persönlich an mich herangetreten sind, sind es seit einiger Zeit nur noch Recruitingunternehmen und das in einer schier unglaublichen Anzahl.

Innerhalb der letzten Woche habe ich 83 (!!!) Anfragen zu Stellen oder Projekten bekommen, bei denen keines (ich habe mir wirklich mal die Mühe gemacht) tatsächlich auf meiner Anforderungen gepasst hätten, die bei diesen Netzwerken angegeben sind. Ich denke jeder kennt die offensichtlich durch Serienbriefe generierten Anschreiben, über das unfassbar tolle Projekt in einem wahnsinnig guten Umfeld und mit einer schier ungreifbar guten Bezahlung.

Vor einigen Monaten betreute ich ein dringendes Projekt bei einem Kunden und dort suchten wir nach 2 geeigneten Entwicklern, welche uns im Back- und Frontendbereich unterstützten konnten. Bei der aktuellen Marktsituation natürlich kein einfaches Unterfangen und so verfasste ich ein Anforderungsprofil und lies dies durch die HR-Abteilung an ein Recruitingunternehmen weiterleiten. Am nächsten Tag wurde ich von 7 verschiedenen Agenturen zu diesem Projekt angeschrieben und dabei wurden mir dieses Projekt mit Eigenschaften beschrieben, die definitiv nicht der Wahrheit entsprochen haben und zum Teil komplett aus der Luft gegriffen waren. Dabei habe ich sogar mit einigen Agenturen telefoniert oder mich per Email ausgetauscht und obwohl mein Name im Briefkopf des “Mandanten” auftauchte, fiel scheinbar niemandem auf, dass ich nicht unbedingt der Richtige für dieses Projekt bin. Als ich einen der “Agenten” (so stellte er sich vor) mit meinen mangelhaften Fähigkeiten im Bereich C# konfrontierte, bot mir dieser tatsächlich an, ich sollte mein Profil im Word-Format zusenden, er würde es dann entsprechend “frisieren”, denn bis zum ersten Kundenkontakt wäre ja noch etwas Zeit. Dabei sollte evtl. gesagt sein, dass in der Stellenbeschreibung ein Senior C# Entwickler mit mindestens 5 Jahren Berufserfahrung gesucht wurde – unfassbar! Wir haben dann umgehend die Zusammenarbeit zu diesem, nach außen hin seriösen, Unternehmen beendet.

Dabei ist diese Flut an falschen Angeboten nicht nur auf die Karrierenetzwerke begrenzt, sondern wird auch telefonisch in diesem Stil weitergeführt. Dabei reichen die Unverschämtheiten von Anfragen zu Produktschulungen für DSL-Router über Stellen als Administrator in Irland bis hin zu Verkäufern von Elektroautos – der Fantasie sind da leider keine Grenzen gesetzt und während Emails noch ignoriert werden können, geht das bei Anrufen leider nur bedingt – man weiß ja leider nie wer da gerade anruft. In meinem heutigen Workshop haben wir in der Pause genau dieses Thema diskutiert und ich bin wirklich fassungslos – Angefangen von allen Arten falscher Versprechen was Gehälter, Sozialleistungen und Urlaubstage angeht, bis hin zum Angebot einzelne Schulungszertifikate zu bestimmten Themen ausstellen zu lassen, war wirklich alles dabei. Das sowohl das fälschen solcher Zertifikate, als auch das “frisieren” eines Mitarbeiterprofils bestimmt eine gewisse rechtliche Problematik darstellen könnte, scheint diesen Leuten vollkommen egal zu sein. Amüsant hingegen fand ich die Aussage eines Teilnehmers, der nach wiederholten Anrufen eines dreisten Headhunters mit der Frage konfrontiert wurde “Wollen Sie sich denn nicht weiterentwickeln? Oder wollen Sie in 5 Jahren immer noch den ganzen Tag Tasten drücken?”. Ich wünschte so sehr, ich wäre dabei der Angerufene gewesen…

Das Ganze kann vielleicht auch noch unter “unseriöse Unternehmen” einsortiert werden, bis mich am frühen Abend wieder ein “Agent” per Handy kontaktierte. Dieser wollte wissen, ob ich durch meine Tätigkeit als Trainer, nicht einen geeigneten Bewerber für eine bestimmte Stelle benennen könnte. In einem freundlichen Tonfall verneinte ich dieses und stellte klar, dass ich aus Rücksicht auf meine Kunden niemals Mitarbeiter aus einem dort bestehenden Arbeitsverhältnis in ein anderes vermitteln würde, sondern eher versuche, geeignete Bewerber an diese zu vermitteln, um bestimmte Defizite bzgl. bestimmter Technologien oder Merkmalen auszugleichen. Der Agent reagierte mit vollkommenem Unverständnis darauf und fragte mich, ob ich nicht an einer Verdopplung meines Umsatzes interessiert wäre. Ich verabschiedete mich freundlich und wünschte Ihm noch einen schönen Abend und wurde keine 10 Minuten später von einer anderen Mobilfunknummer, von derselben Person, kontaktiert. Dieser versuchte mir erneut einzureden, das nahezu jeder Trainer mit ihm solche “Deals” machen würde und diese daran durchaus gut verdienen würden. Dabei bot er nicht nur eine Provision von bis zu 20% des ersten Jahresgehaltes für die vermittelte Person an, sondern auch fixe Summen nur für die Telefonnummern einiger Entwickler meiner Kunden. Darüber hinaus wären auch bestehende NDA kein Problem, diese wären im Normalfall eh nicht wasserdicht und könnten immer angefochten werden. Erneut habe ich meine Position verdeutlicht und Ihm gesagt, dass er gerne mit seinen “angeblichen” Trainerkontakten solche Dinge aushandeln könne, nicht aber mit mir und beendete das Gespräch.

Vielleicht sollte ich an dieser Stelle etwas klarstellen: auch wenn der Grundton zu solchen Agenturen bisher durchaus negativ ist, ist mir natürlich bewusst das es viele ehrliche und seriöse Agenturen da draußen gibt, ich selber habe schon mit vielen davon bei meinen Kunden zusammengearbeitet und schätze diese Kontakte sehr. Darüber hinaus möchte ich mich fast verbürgen, dass keiner der mir “nahestehenden Trainerkollegen” (Zitat), über solch einen Deal auch nur ansatzweise nachgedacht hat oder es jemals wird. Ich bin jedoch wirklich erschrocken über die Art und Weise wie einige dieser Agenturen arbeiten und da offensichtlich vor nichts und niemandem zurückschrecken.

Das solche Methoden als suchendes Unternehmen nicht einfach zu durchschauen sind, habe ich leider am eigenen Leibe erfahren und deshalb greife ich in zukünftigen Projekten, nur noch auf wirklich seriöse und bekannte Agenturen zurück. Dass es aber Entwickler gibt, die ernsthaft mit solchen Agenturen zusammenarbeiten und sich dabei mit in gefährliche rechtliche Situationen ziehen lassen, kann und will ich einfach nicht verstehen. Jedes Mal, wenn ich bei einem Kunden Bewerbungen sichte, die entweder durch direkten Kontakt eingereicht wurden oder über Vermittlungsagenturen, tauchen einzelne Profile auf, die schon auf den ersten Blick nicht der Wahrheit entsprechen können – jeder erfahrene Entwickler erkennt das. Kaum jemandem scheint dabei klar zu sein, dass es (vermutlich) ein Kündigungsgrund wäre, wenn die falsche Zugehörigkeit zu Unternehmen oder gar gefälschte Zertifikate angegeben werden. Das jemand, der fälschlicherweise eine riesige Liste an “Erfahrungen” aufweist, aber keine davon wirklich beherrscht, bestimmt die Probezeit nicht überleben wird, scheint dabei den meisten egal zu sein.

Warum ich das hier schreibe? Ich bin, wie schon erwähnt, entsetzt über die Methoden mancher Recruitingagenturen und im selben Maße entsetzt darüber, dass es tatsächlich Personen gibt, die sich von diesen Agenturen vermitteln lassen. Ich appelliere an alle wechselwilligen und karrierestrebsamen Entwickler: Lasst die Finger von solchen Agenturen! Ihr tut damit wirklich niemanden einen Gefallen, nicht euch und nicht dem Unternehmen für das ihr gesucht werdet – eigentlich nur der Agentur, die dann für diese Aktion auch noch bezahlt wird. Jeder darf voller Stolz seine Erfahrungen und Fähigkeiten in Bewerbungen präsentieren und vielleicht auch hier und da etwas übertreiben, aber ich und viele meiner Kunden, nehmen einen ambitionierten und lernwilligen Bewerber viel lieber, als jemand der in jeder Zeile seiner Bewerbung zeigt, dass er Scott Hanselmann persönlich ist. Den Unternehmen kann ich nur raten, sorgsam bei der Wahl ihrer Recruitingunternehmen zu sein, denn mit wenig Aufwand lassen sich schnell einige seriöse Agenturen finden. Darüber hinaus, auch wenn ich persönlich nie ein großer Fan von solchen Dingen war, lassen Sie von externen Beratern, die mit ihren Mitarbeitern in Kontakt treten, immer eine NDA unterschreiben – diese sollte aber für beide Seiten fair sein. Wenn der Berater oder Trainer seriös ist (dazu zähle nahezu alle bekannten Namen, zumindest im .NET-Bereich, den Rest kenne ich nicht gut genug), wird dieser mit einem Sperrvermerk bzgl. der Mitarbeitervermittlung kein Problem haben.

Abschließend bleibt nur eines zu sagen: Was gibt es schöneres, als für den Rest seines Lebens Tasten drücken zu dürfen! ;)

Kommentare (1) -

  • Jan

    13.04.2016 05:17:57 | Antwort

    Das Problem sind die enorm hohen Vermittlungsprämien bei gleichzeitig immer stärkerem Personalmangel, der die von Geldgier-getriebenen Unternehmen bzw. Agenten noch fördert...
    Keine schöne Entwicklung.

Kommentar schreiben

Loading